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Interview mit Dr. Sabine Schiffer

Auf das neue Buch von Dr. Sabine Schiffer haben wir hier aufmerksam gemacht. Nun hat sie, anlässlich des Mordes an unsere Schwester Marwa, ein Interview mit unseren Kollegen der “Linken Zeitung” geführt. Vielen lieben Dank an Francis Bryne, der mit seinem Team tatkräftig gegen den wachsenden Islamhass vorgeht.

Hier nun das Interview:

Dr. Sabine Schiffer ist Leiterin des Instituts für Medienverantwortung iin Erlangen. Sie ist Mitherausgeberin des soeben erschienenen Buches „Antisemitismus und Islamophobie – ein Vergleich”. Das Buch ist im HWK-Verlag in der Reihe ‘Bücher, die unsere Weltsicht verändern’ erschienen. Es hat die ISBN 978-3-937245-05-8, ist überall im Buchhandel erhältlich und kostet 24,80 €.

Linkezeitung: Der offensichtlich durch antimuslimischen Rassismus motivierte Mord an einer Ägypterin in Dresden ist ein schrecklicher Höhepunkt einer jahrelangen Hetzkampagne gegen den Islam und Muslime. Die große gesellschaftliche oder mediale Empörung bleibt aus. Wie ist das möglich?

Frau Dr. Schiffer: Es ist eigentlich logisch – wer will schon zugeben, dass er selber oder wir insgesamt ein neues Problem haben? Nicht mehr ganz neu, aber nun offensichtlich: anti-islamische Einstellungen erzeugen nicht nur schlechte Stimmung und aufgeregte Polemiken, sondern auch Handlungsbereitschaften, wie man an einigen Brandanschlägen auf Moscheen und auch Friedhofsschändungen und an vielen Beleidigungen muslimischen Kopftuchträgerinnen gegenüber längst hätte sehen können und ernst nehmen müssen.

Die Politik wird sich sicher am wenigsten selbstkritisch bzw. zugestehend äußern, weil sie das Thema nicht nur heruntergespielt hat (ich könnte da von meinen Erfahrungen aus der Islamkonferenz AG 3 berichten), sondern es teils durch entsprechende Gesetze noch befödert: Kopftuchverbote, Muslimtests getarnt als Einbürgerungstests etc.

Linkezeitung: Die Anti-Islam-Hetze solcher Homepages wie „Politically Incorrect” oder rechter Splittergruppen wie „Pro-Köln” sind nur die Spitze des Eisberges.
Über die ganz normalen bürgerlichen Medien werden täglich antimuslimische Klischees und Diffamierungen verbreitet. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Frau Dr. Schiffer: Das monieren wir seit Jahren – vor allem den Usus, negative Ereignisse mit islamsichen Symbolen in der Berichterstattung zu “verzieren”. Dies suggeriert Zusammenhänge, die manche zwar gerne behaupten, um ihre Taten zu legitimieren, die aber journalistisch hinterfragt werden müssten. Jeder behauptete Zusammenhang wird ja nicht bildlich umgesetzt und damit verfestigt.

Ja, und auch linke Kreise – vor allem die Antideutschen – bauen ein anti-islamisches Feindbild auf, aber auch in der Mitte der Gesellschaft gehört Anti-islamisches teils zum guten Ton – s. Umfrageergebnisse des Allensbacher Instituts oder die Heitmeyer-Studie. Wer sich nicht “islamkritisch” äußert, gilt schon als verharmlosender “Gutmensch” oder gar noch als schlimmer “Islamisierer”. Gerade Gruppen, die Aufklärung und Humanismus hoch halten, wie die Giordano-Bruno-Stiftung befördern das anti-islamische Ressentiment, verkennend dass die von ihnen beschworenen Prinzipien Pluralismus und Gleichwertigkeit bedeuten würden – genau diese Ideale verraten sie aber zugunsten ihrer selbstidealisierenden Sicht des vermeintlich besseren Durchblicks.

Linkezeitung: Es schleicht sich der Verdacht ein, dass mit der Hetze der Kriegseinsatz in Afghanistan gerechtfertigt werden soll und möglicherweise ein Sündenbock für die Weltwirtschaftsdepression ausgeguckt werden soll. Halten Sie das für möglich?

Frau Dr. Schiffer: Genau dieser Verdacht wird durch die Kommentare Günter Lachmanns in der Welt bestätigt (man erinnere daran, dass Antisemitismus auch immer neben der erfolgreichen Integration von Juden existiert hat und existiert!). Er stellt damit aber keine Einzelmeinung dar, führt nur schön vor, wie die Denkschiene funktioniert. Wer so tut, als würde die Forderung danach, Islamophobie als Problem der Mehrheitsgesellschaft anzuerkennen, sog. “islamistische” Anschläge in Deutschland befördern, der sucht zu verhindern, dass man derlei tatsächlich mögliche Anschläge als Ausdruck einer Ablehnung des Krieges in Afghanistan und anderen islamischen Ländern wahrnimmt. So schafft man Kohärenz, die die eigene Interpretation bestätigt, nur nichts mit der Realität zu tun hat. Hier verweise ich gerne auf Graham Fuller, der in seinem Buch fragt, wie der Nahe Osten ohne Islam aussähe: er kommt zu dem Schluss GENAUSO, wenn die Politik, die im wesentlichen von außen bestimmt wird, so bleibt.

Mit dem Verweis auf sogenannte Islamisten oder unter ständiger Verwendung des Adjektivs “radikalislamisch” kann man wunderbar von den relevanten Zusammenhängen ablenken. Auch darum wird wohl die Politik hier nicht an echter Aufklärung interessiert sein, seitdem Deutschland deutlich auf Kriegskurs gegangen ist – die anti-islamische Legitimierung, die oft auch als vermeintliches Helfersyndrom für muslimische Frauen (Stichwort. Burka, Mädchenschule) daher kommt, lässt sich aus etlichen offiziellen Texten bis hin zur sog. EKD-Friedensdenkschrift herauslesen.

Linkezeitung: Besonders auffällig ist das große Schweigen bei weiten Teilen der Linken. Das Thema scheint die Linken noch nicht erreicht zu haben. In Ihrer ersten Stellungnahme schrieben Sie: „Unser Mitgefühl gilt der Familie des Opfers! Unsere Sorge uns allen – ohne Ausnahme.” Die Hetze gegen die Muslime betrifft uns alle. Warum?

Frau Dr. Schiffer: Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, hat das Wichtigste auf den Punkt gebracht: heute trifft es die Muslime, morgen vielleicht wieder die Juden, und wen dann? (Vortrag 11.7.2007, Mannheim). Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ist eben vor allem Menschenfeindlichkeit und betrifft uns alle. Wie beim Antisemitismus muss es uns gelingen, nicht beim Starren auf die jeweils betroffene Gruppe stecken zu bleiben, sondern zu verstehen, welche Funktionen rassistische Stereotype für die sog. Mehrheitsgesellschaft haben: sie bieten Projektionen zur eigenen Entlastung, haben meist selbstidealisierenden Charakter und können für weiterreichende Manipulationen ausgeschlachtet werden, wozu die Kriegspropaganda ebenso gehört wie die Ablenkung von relevanten Zusammenhängen etwa im Kontext der Wirtschaftskrise, der weltweiten Frauenbenachteilung usw.

So kann alles so bleiben, wie es ist, denn das Problem liege ja bei den anderen, die man sowieso nicht verändern können – eine extrem antiaufklärerische Einstellung. Dies blendet die konstruktiven Handlungsmöglichkeiten aus – und eine friedliche Welt kann nur eine gerechte sein, sonst wird es uns früher oder später alle treffen. Der in die Welt hinausgetragene (Wirtschafts-)krieg ist noch immer wieder zu denen zurück gekommen, die ihn entfacht haben. Übrigens, die taz und die Junge Welt waren mit die ersten Zeitungen, die die Thematik nach unserer Pressemitteilung aufgegriffen haben – insofern denke ich, wie sollten auch die Linke(n) nicht verallgemeinern.

Linkezeitung: Muslimische Verbände protestieren und demonstrieren für eine Schließung der aggressivsten Hetz-Homepages und hoffen auf ein Ende der Diffamierungen in den bürgerlichen Medien. Bräuchten sie da nicht mehr Unterstützung?

Frau Dr. Schiffer: Ja, dringend. Wo sind die jahrelangen Dialogpartner? Die Kirchen? Wo ist Wolfgang Schäuble, der sich gerne mit muslimschen Vertretern medial in Szene setzt? Von Angela Merkel will ich gar nicht reden. Was für eine Enttäuschung und Desillusionierung muss da auf seiten der Muslime vorliegen – außer uns und dem Berliner Tagesspiegel hatte sich zunächst noch der Interkulturelle Rat entsprechend geäußert (der hat übrigens letztes Jahr bereits ein Konzept zur Bekämpfung von Islamfeindlichkeit vorgelegt) – das offizielle Berlin schweigt. Peinlich, peinlich und vor allem jetzt, wenn deutlich wird, dass man allenfalls im Sinne einer außenpolitischen Public Diplomacy den Mund aufmacht.

Die eigenen Muslime hat man solange als Problemfall konzipiert, dass man sich offensichtlich schwer tut, aus den eingefahrenen Denkmustern wieder herauszudenken und sie wirklich als Teil des WIR zu empfinden und so zu behandeln.

Linkezeitung: Wie könnte eine solche Unterstützung aussehen?

Frau Dr. Schiffer: Es gibt derzeit konkret einige Überlegungen – vielleicht mag sich die Politik hier anschließen, willkommen! Eine Patenschaft für den Sohn des Opfers von einer renommierten deutschen Organisation wäre zunächst einmal ein wichtiges menschliches Signal.

Dann gehört das Thema Islamfeindlichkeit auf die Tagesordung, z.B. weiß ich, dass die Arbeiterwohlfahrt das Problem erkannt hat und sich schult, um entsprechende pädagogische Konzepte zur Bekämpfung des Ressentiments zu entwickeln. Entsprechende Programme benötigen wir etwa auch im Rahmen der Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung oder der entsprechenden Ämter, die Rechtsextremismus, Antisemitismus und Antiziganismus bekämpfen.

Überhaupt bräuchten wir eine Plattform, die ähnlich ausgerichtet wie das Zentrum für Antisemitismusforschung wissenschaftliche Ergebnisse zur Islamophobie sammelt, sowie anti-islamische Vorfälle dokumentiert und die Erkenntnisse auch in die Öffentlichkeit trägt. Das Zentrum für Antisemitismusforschung hat hier wichtige Vorarbeit geleistet und ist v.a. von Antideutschen heftig angegriffen worden dafür – vor allem, weil man es wagte den Begriff Islamophobie zu verwenden.

Nun, Antisemitismus ist auch ein falscher Begriff eigentlich, aber wir haben ihn inzwischen definiert und das Problem erkannt und darum sollte es doch gehen. In Dresden könnten die entsprechenden involvierten Stellen bis hin zum Max-Planck-Institut etwas tun, von einer aufmerksamkeitsträchtigen Veranstaltung, die die Problematik deutlich macht bis hin zu einer Spendensammlung für die Familie und andere, die ihn ähnlicher Situation sind: viele muslimische Frauen finden ja wegen ihres Kopftuches keine Stelle, wie Marwa El-Sherbini.

Wäre natürlich schöner, sie würden eine finden, aber ein Unterstützungsfonds könnte das Unrecht aufwiegen, dass hier ein Streit auf dem Rücken von Frauen ausgetragen wird, die damit auch die schwerste Last der Irrationalität der anderen zu tragen haben. Wenn ich hier alles widergebe, was diskutiert wird und, könnten wir noch lange reden – der Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Juristisch wäre allerdings mindestens eine wichtige Grenze noch zu prüfen: sollen volksverhetzende Blogs und Kommentareinträge im Internet straflos ausgehen, weil der Server im Ausland steht? Hier wäre eine internationale Lösung anzustreben, die ethische Standards umsetzt und sich nicht hinter Meinungsfreiheit versteckt – denn in Bezug auf andere Darstellungen haben wir uns Maßstäbe erarbeitet und die müssen auf alle Anwendung finden, um glaubwürdig zu bleiben.

Wir danken für das Interview. Das Interview wurde geführt von Francis Byrne.

Quelle: http://www.linkezeitung.de/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=7027&Itemid=1

7 Antworten auf Interview mit Dr. Sabine Schiffer

  • Mustafa M sagt:

    Wir Muslime brauchen keine Weichspler, klare Ansage, stoppt Islamhetze im Internet verbietet Herabwrdigung Heiliger Islamischer Symbole, Beleidigungen gegen Allah swt und seinen Propheten sas stoppen und unter Strafe stellen, das Wort Islamphobie als verfassungsfeindlich einstufen und nicht erlauben dieses auf Artikel zu drucken, Volkshetze rigoros eindmmen, Medienhetze unter Strafen stellen, wir wollen klares Vorgehen und kein Mimi Mumu… das erste Opfer ist tot, wir Muslime sind bereit hier friedlich zu leben oder als Mrtyrer zu sterben aber niemals werden wir den Islam verraten..eher den Tod als Kopftuchverbot hinnehmen

    Edit: BarakAllahu fiek. Als Minderheit mssen wir aber vielmehr die Hidjra anstreben, sofern es soweit kommen sollte. Wir drfen nicht immer auf die andere Seite zeigen. Wir Muslime geben ein allgemeines Bild ab, welches katastrophal ist. Deshalb mssen wir niemals vergessen, den Finger erst auf uns zu zeigen. Auerdem drfen wir die Arbeit, wie z.B. der linken Zeitung wrdigen und schtzen, da sie den Islam mehr verteidigen, als es die meisten Muslime machen. Das ist die Realitt!

  • Martin sagt:

    “ein Interview mit unseren Kollegen der Linken Zeitung gefhrt”

    Ich behaupte mal, dass sich die Betreiber einer dermaen schlampig gemachten Webseite (“Kommtar” !!!) nicht anmaen sollten, sich als Journalisten zu bezeichnen. Sorry, fr Eure Rechtschreibung wrdet Ihr kaum in die dritte Klasse Grundschule versetzt werden. Solche Dinge sind mit daran schuld, dass die Vertreter des Islam in D nicht ernst genommen werden.

    MfG M.

  • alhamduliLah sagt:

    @martin alias deutschlehrer

    “Sorry, fr Eure Rechtschreibung wrdet Ihr kaum in die dritte Klasse Grundschule versetzt werden.”

    na, solange du und deinesgleichen europische hauptstdte richtig zuordnen knnt, ist doch alles in bester ordnung wa?;-)

    und ich behaupte mal, fr jemanden der sich hinstellt und die rechtschreibung anderer bemngelt, bietest du selbst angriffsflche fr kritik.
    -> kaum in die dritte klasse grundschule versetzt

    das kann man stilistisch auch besser hinbekommen (brigens herr lehrer, deinen gesamten kommentar knnte man stilistisch besser hinbekommen mal nebenbei gesagt)
    -> kaum in die dritte grundschulklasse versetzt

    mfg

    alhamduliLah

  • Djibril sagt:

    Rassismus gegen Muslime in der EU?

    Kritik an Visa-Plnen der EU-Kommission
    “Auf dem Balkan droht eine neue Spaltung”

    http://www.tagesschau.de/ausland/visapolitik100.html

  • pinkmoon sagt:

    @Martin
    “Sorry, fr Eure Rechtschreibung wrdet Ihr kaum in die dritte Klasse ”
    Na dann, wenn du sonst keine Probleme mit uns hast, dann ist doch alles gut. Abgesehen davon ist dein entdeckter sogenannter Rechtschreibfehler, eher ein Tippfehler! Also deinen belustigenden Aufschrei kannst du ruhig Mal runterkurbeln.

  • Uchti 2 sagt:

    Es gbe gengend Arbeitspltze fr bedeckte Frauen, nmlich Gynokologinnen, im Allgemeinen bruchten wir rztinnen, Lehrerinnen, Pdagoginnen,…eigentlich muss fast jeder Bereich aufgefllt werden, wo wir bedeckte Frauen, nicht zu Mnnern gehen knnen. In Jordanien gibt es Krankenhuser, wo nur Frauen ttig sind. Wenn jede rztin nur 4 Stunden am Tag arbeitet, knnen sich dementsprechend 6 rztinnen eine Praxis teilen und 24 Std. lang ist man fr die Patientinnen da. Nachdem Frauen, besonders die Familien haben, nicht zu viel Zeit im Beruf verbringen sollten, mssten sie sich es untereinander aufteilen. Dieser ganze Ablauf verschafft auch viele Arbeitspltze. Was wird eigentlich noch dadurch erreicht? Einerseits, dass Frauen die gerne ihrem Beruf nachgehen mchten, dieses auch tun knnen. Andererseits brauchen sie kein schlechtes Gewissen haben, dass sie ihre Familie, besonders ihre Kinder, vernachlssigen. Und wiederrum entsteht keine doppelte Belastung seitens der Frau, so wie sie im Westen vorherrscht. Was hier noch sehr wichtig ist zu erwhnen:
    DAS GELD DER FRAU GEHRT NUR DER FRAU! Der Ehemann hat berhaupt kein Anspruch darauf. Das selbstverdiente oder geerbte Vermgen der Frau gehrt ihr. Der Mann ist fr die Versorgung seiner Familie verantwortlich. Vollkommen irrelevant, wieviel Vermgen seine Ehefrau besitzt. Wenn sie mchte, kann sie es ihrem Ehegatten geben aber nur wenn sie mchte! Soviel dazu, dass die Frau keine Rechte besitzt. Diese Rechte wurden ihr VOR 1430 JAHREN zugeschrieben!

  • Uchti 2 sagt:

    Ich habe noch etwas vergessen zu erwhnen: Es tut gut einmal auch zivilisierte Menschen mitzuerleben. Das ist wirklich angenehm, denn die “Mchtegerns” zerren doch an einem. Ich finde es nur schockierend, wie tief das Niveau der Menschheit heute eigentlich gesunken ist. Mge unser aller SCHPFER Frau Dr. Sabine Schiffer rechtleiten. AMIN! Natrlich auch die Mitarbeiter dieser linken Zeitschrift. Das wnsche ich ihnen wirklich von ganzem Herzen!